Friedrich II und sein Hofstaat

Carlo Fornari und Alberto Gentile


Friedrich II von Staufen war ein Mann von ausgezeichneter Intuition, der allen anderen seiner Zeit als erhaben gilt. Er war Schriftsteller, großer Staatsmann, Kriegsführer, Gesetzgeber; vor allem aber imponiert er wegen seiner offenen Geisteshaltung, seiner Ecklecktick und weil er seiner Zeit weit voraus war.

Friedrich II und sein Hof, eine mittelalterliche Miniatur.

Was an seiner Person so fasziniert ist vor allem die Tatsache, dass er in der Lage war, vielseitige Situationen, die uns heute als ganz offen gegensätzlich erscheinen, in Einklang zu bringen. Dies war nicht etwa wegen mangelnder Kohärenz oder schierem Opportunismus seinerseits möglich, sondern deshalb, das er in einer Zeit tiefer Veränderungen regierte. Eine Zeit, die von katholischem Integralismus und staatlichem Laizismus, Aberglauben und der Entstehung der Wissenschaft, aber auch von Dogmatismus, Häresien und Gedankenfreiheit geprägt war. In jeder schwierigen Lage seiner Regierungszeit lieferte er immer ein Beispiel freier Interpretation und ideologischer Toleranz. Seine Haltung kann nicht schlicht aus nur einer Religion, oder generell aus nur einem einzigen organisierten Gedankengut entstanden sein.

Friedrich II war gleichzeitig ein mittelalterlicher und ein moderner Mensch: das Mittelalter zeigte sich in ihm in seinem Konzept des kaiserlichen Mythos, stark in einer universellen Macht, die ihm direkt von Gott gegeben war, während der moderne Mensch in ihm durch seine Offenheit und Integrationswilligkeit gegenüber verschiedenen Kulturen und immer neuen politischen Gleichgewichten zum Vorschein kam. Die Haltung Friedrichs II gegenüber der intellektuellen Welt seiner Zeit zeigt uns heute, dass er schon damals an das Konzept von Einheit und Universalität menschlichen Wissens glaubte. Aufgrund dessen hob er jegliche Unterschiede zwischen christlichen, moslemischen oder jüdischen Gelehrten auf, was heute als Anfangsstadium einer Art Ökumene bezeichnet werden kann.

An seinen Hof wurden ohne Diskriminierung von Rasse oder Glaube alle Grossen der Kultur aufgenommen, die damals Träger neuer avantgardistischer Theorien waren. Dabei fiel das Augenmerk hauptsächlich auf die morgenländischen Schulen. Daher kommt es wohl, dass mittelalterliche Chronisten sowie katholisch inspirierte Schriftgelehrte von ihm öfter als getauften Muselmanen sprechen. Wie man aus diesen Quellen schließen kann, hat die Bezeichnung ganz offensichtlich einen polemischen, um nicht zu sagen abschätzenden Ton gehabt, galt es doch damals während der Glaubenskriege als schlimme Beleidigung, jemanden eines „anderen“ Glaubens zu bezichtigen.

Diese feindlichen Haltungen ihm gegenüber brachten Friedrich II dazu, sich mit illustren Mathematikern wie Leonhard Fibonacci, oder mit Wissenschaftlern der eben entstehenden Astronomie wie Michael Scoto zu umgeben. Außerdem waren da noch Musiker, Ärzte, Juristen, Philosophen.... 1224 gründete er die Universität Neapel, ein Quell der Wissenschaften, Seminar neuer Geistesströmungen, kulturelles Drehkreuz des damaligen Reichs von Sizilien. Und gerade weil es die erste staatliche und laizistische Institution war, frei von konfessionellen Interventionen, zog die Universität Dozenten aus allen Ecken des Kaiserreiches an. Unter ihnen auch Benedikt von Isernien und Roffred von Benevent.

Mittelalterliche Miniatur: Studenten der Universität.

Er organisierte die Ärzteschule in Salerno neu, wo der erste Lehrstuhl für Anatomie eingeführt wurde. Der schwäbische Hof wurde so ein außergewöhnliches kulturelles sowie wissenschaftliches Zentrum, das der Nachwelt als eine Art „glückliche Insel“ in Erinnerung blieb.

Besondere Aufmerksamkeit muss der literarischen Aktivität Friedrichs II gewidmet werden. Er versammelte um die Magna Curia die sogenannte „sizilianische Schule“. Diese wurde sogar von Dante anerkannt als Verbreiterin der „lingua volgare“ – des neuen italienisch, das zu der Zeit durch die poetische Aktivität geformt und eben verbreitet wurde. In Wirklichkeit ist die Schule nicht wirklich sizilianisch, abgesehen von der Herkunft einiger „Romanzaturi“ wie die Schriftsteller damals genannt wurden und gewissen Assonanzen der Inselsprache. Auch hier kann man den großen Einfluss des Kaisers erkennen, der Schriftsteller verschiedenster geografischer Herkunft um sich versammelte und in die Schule integrierte. Und wenn es stimmt, dass die „siculische“ Sprache großen Einfluss genommen hat, dann kann man sicherlich auch den Einfluss der „daunischen“ Beiträge zu dieser Schule eindeutig erkennen. („daunisch“ = nordapulisch).

Die Lyrik dieser Literaturströmung erzählt von Liebe, Klage über die Entfernung der Geliebten, feiern ihre Schönheit. Die Gedichte werden in einer neuen, verfeinerten Metrik ausgedrückt: Jakob von Lentini gilt als Begründer des Sonetts, welches seitdem über sieben Jahrhunderte lang angewandt wurde. Dem Kaiser selbst werden drei Gedichte zugeschrieben: Dolze mio drudo, de la mia disianza und Sospiro e sto n racura.

Aber auch auf politischem und institutionellem Gebiet war Friedrich II innovativ. Sein Hauptbestreben lag in der Gründung einer absoluten und illuminierten Monarchie, die tatsächlich erst im 17. Jahrhundert konkret realisiert wurde, wenn auch mit zeitgemäßen Änderungen. Die kaiserlichen Gesetze vereinten in sich die besten damaligen juristischen Neuerungen und widerstanden Jahrhunderte lang juristischen Entwicklungen. Die ständigen, oft harten Kämpfe mit dem Papsttum dienten der Durchsetzung des laizistischen Staatsapparates. Dadurch entstanden Spannungen, Missverständnisse und Auseinandersetzungen, die auch heute noch, nach Anbruch des dritten Jahrtausends, nicht völlig ausgeräumt sind.

Friedrich II hielt sich mit seiner Gefolgschaft und seiner Regierung nie lange an einem Ort auf. Auch wenn er Schlösser in ganz Süditalien und herrschaftliche Palazzi in den ihm treuen Stadtstaaten Cremona und Parma besaß, war sein Hof „intinerante“, d.h. wandernd - wohl das einzige Beispiel in der ganzen christlichen mittelalterlichen Geschichte. Die ständigen Um- und Weiterzüge waren regierungstechnisch notwendig, gleichzeitig gaben sie dem Kaiser aber auch Gelegenheit, dem Nomadenleben den Vorzug zu geben, das er durch die laufenden Kontakte mit der arabischen Welt kennen- und liebengelernt hatte.

So zog der Hof oft von Sizilien nach Deutschland. Die Durchzüge des kaiserlichen Hofes baten den auf dem Wege liegenden Untertanen ein damals sicherlich einzigartiges Schauspiel, das die Fantasie der Bevölkerung beflügelte, deren einzige Kurzweil in Kirchentagen und Dorffesten bestand. Der Hof wurde von verschiedenen Quellen beschrieben und sah sarazenische Vollblütler, Elefanten, Kamele, Moren, Eunuchen, Gaukler.... und mit ihnen Pagen, Minister, Bürokraten, Notare, Schreiber; und weiter Soldaten, Jagdhunde, wilde Tiere. Und mit dem ganzen Zug vermischte sich ein Völkchen, das auf der Suche war nach Glück und Abenteuer. In der Mitte des Zuges, kunstvoll inszeniert um Stauen zu erregen, um die Treuen neu zu beseelen und um den Feinden Furcht einzuflössen reiste ER, der Göttliche, der schon wegen des prächtigen Wagens und vor allem wegen seiner wahrhaft kaiserlichen Haltung nicht zu übersehen war. Manchmal zeigte er sich bei der Durchreise durch Dörfer und Städte zu Pferd, auf dem Rücken des berühmten Drachens, in seiner Lieblingsrobe, dem Jagdkleid.

Der Kaiser, seine Majestät, erteilt seinen Falkenjägern Befehle. Eine Miniatur der „L’art de la chace des oisiaus“, Paris, französische Nationalbibliothek, ms fr. 12400 (aus dem Anfang des 14. Jahrhunderts stammt die Übersetzung des lateinischen Originals von 1071, Auftraggeber war Jean II, Herr von Dampierre und Saint Dizier)

Wie viele Männer, nicht nur des Mittelalters, hegte Friedrich II eine tiefe Leidenschaft für die Jagd, in der er mehr sah als nur einen Sport, nämlich eine Kunst, ja fast eine Wissenschaft. Er war fasziniert von der Falkenjagd, die iranische Ursprünge hat und wahrscheinlich von den Arabern nach Europa gebracht wurde. Nicht weniger Leidenschaft brachte er den Vögeln entgegen. Sein Interesse kann mit dem eines aufmerksamen Naturforschers, eines feinsinnigen Ethologen verglichen werden, der die Flugbahnen der Vögel beobachtete, ihr Verhalten bei Stürmen, wie sie ihre Nester bauen. Alle diese Beobachtungen flossen in sein Werk „de arte venandi cum avibus“ in dem er die Vogeljagdkunst beschreibt. Das Werk ist außergewöhnlich und modern, sowohl wegen seiner Beobachtungsschärfe als auch wegen der Stärke und Lebhaftigkeit seiner Ausdrucksweise. Es ist das Ergebnis langjähriger Beobachtungen im Vergleich mit ornithologischen Kenntnissen der Antike, besonders der Aristoteles, dessen Werk kurz vorher von Michael Scoto aus dem Arabischen übersetzt worden war.
 

Auf der Webseite, die der sizilianischen Schule gewidmet ist, finden sich nähere Auskünfte über die „Scuola Poetica Siciliana“.

Copyright 2002 Carlo Fornari und Alberto Gentile

Deutsch von Claudia Litti 

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