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Palermo und die Kindheit Friedrichs II von Federico Messana
Obwohl es in derartigen Verhältnissen auf der
Strasse aufwuchs, beobachtete das Kind und registrierte alles, was
um es herum passierte. Es lernte Sitten und Gebräuche und die
Sprache der Bevölkerung, die mit ihm in der Stadt lebten, kennen:
Sizilianer, Sarazenen, Normannen, Griechen,
Deutsche
und Juden. Der Junge wuchs stark im Körperbau,
Bronzeüberzogener Gipskopf, der den jungen Friedrich II darstellt. Museum Capua Campano.
Sein Erzieher, Wilhelm Francesco, lehrte ihn Latein und Gregor da Galgano Naturwissenschaften. Er las arabische Klassiker und begann, den Islam kennen zu lernen. In einem Land starker arabisch-hellenistischer Kultur fand er auf diese Weise Weisheit und Wissen. Diese Umgebung beeinflusste selbstverständlich auch das Wesen Friedrichs II und die kosmopolitische Atmosphäre, die ihn umgab, löste in ihm intellektuelle und politische Tendenzen aus, die sich von denen seines Vormuds Innozenz III stark unterschieden. Er weigerte sich, sich die geistigen Denkschemas seiner Zeit aufzäumen zu lassen. Im Gegenteil, er wandte sich neuen Formen des friedlichen Zusammenlebens zu. Von einem Schriftstück unbekannten Autors erfahren wir, dass Friedrich über eine ausgezeichnete Intuition und einen unbeugsamen Willen verfügte. Er war außerdem unduldsam gegen Unterordnung und schon damals konnte man eine ständige Vorherrschaft der Vernunft bei seinen Entscheidungen erkennen. Er hatte ein Werk des Lieblingsgeographen seines Großvaters Rüdiger II Ibn’Idris gelesen, der folgendes berichtet: „Wir können also behaupten, dass Sizilien aufgrund seiner Fülle und Schönheit die Perle des Jahrhunderts ist und an erster Stelle unter den Ländern der Welt aufgrund des Übermaßes seiner Natur und des Alters seiner Zivilisierung steht. Reisende und Händler aller Herren Länder kommen hierher und rufen einstimmig ein Lob auf seine strahlende Schönheit aus und rühmen die idealen Bedingungen.....Und wirklich, die Könige Siziliens müssen vor alle anderen Könige gestellt werden, sind sie ihnen doch in ihrer Macht, ihres Ruhmes und der Größe ihrer Absichten weit überlegen.“ Die Stadt Palermo hatte sich ein kosmopolitisches Gewand angezogen, denn neben den zahlreichen Moscheen erhoben sich bald Kirchen und Synagogen. Die Palazzi lassen einen byzantinischen Stil erkennen und an der Seite düsterer, riesiger, mittelalterlicher Burgen entstanden exotische Sonnen- und Palmengärten. Ein anderer arabischer Geograph, Ibn Gubayr, schrieb über Palermo: „Eine alte und elegante Stadt, strahlend und begnadet erscheint sie uns verlockend, ja hochmütig zwischen ihren Plätzen und ihrer Umgebung, die eine einziger großer Garten ist. Grazil sind ihre Haupt- und Nebenstrassen und überall fasziniert sie wegen ihrer seltenen Schönheit und ihrer Anmut. Diese herrliche Stadt erinnert den Betrachter an Cordoba wegen der Ähnlichkeit ihres Stils und ihrer Gebäude, die sämtlich aus behauenem Stein gebaut sind. Ein klarer Fluss, dessen Wasser aus vier Brunnen längs seiner Ufer kristallklar hervorsprudeln, durchzieht die Stadt. Die Königspaläste umgeben das Stadtzentrum wie Edelsteine in einem Schmuckstück den Hals und die Brust eines schönen Mädchens und auf diese Weise kann der Herrscher immer von einem Punkt der Hauptstadt zum anderen gelangen, indem er nur Herrschaftshäuser und anmutige Gärten durchquert.“ Der junge Friedrich erhielt viel Hilfe für sein Heranwachsen und seine Charakterprägung vom Erbe das seine normannischen Vorfahren in Sizilien hinterlassen hatten. Also musste er lediglich die Schwierigkeiten, die sein zartes Alter hervorriefen überwinden und das Werk seines Vaters Heinrich VI und seiner Mutter Konstanze, das aufgrund des verfrühten Todes beider Elternteile zeitweise unterbrochen worden war, wieder aufnehmen. Die normannische Eroberung Siziliens 1091 verdrängte die muselmanische Bevölkerung, die die Insel zu dem Zeitpunkt bereits seit Jahrhunderten bewohnten, nahezu in einen Dienstbotenstatus. Doch Rüdiger I und dessen Sohn, Rüdiger II lernten sehr bald die großartige Zivilisation der vorigen Eroberer kennen und erreichten durch ihre Klugheit, dass die beiden Völker den Kontakt untereinander intensivierten, um so das Beste, was die orientalische Seite hervorzubringen hatte in die andere übergehen zu lassen.1130 wurde Rüdiger II in einem orientalisch-glanzvollen Palermo zum König gekrönt und nach der Vereinigung mit Kalabrien und Apulien lebten Juden, Normannen, Griechen und Araber in friedlichem Miteinander und behielten dabei dennoch ihre eigenen Gesetze und Traditionen bei. Palermo war Hauptstadt des reichsten Königreiches Europas geworden und Rüdiger II ließ sich im wunderbaren Mosaik der Kirche der Martonara verewigen, auf dem er beim Krönungsakt direkt von Gottes Gnaden als byzantinischer Kaiser abgebildet ist. Die griechisch-byzantinische Kultur hatte beträchtlichen Einfluss und Rüdiger II selbst wuchs in griechisch sprechender Umgebung auf. Auch die Nachfolger, Wilhelm I und Wilhelm II standen ihren Ahnen in nichts nach. Dadurch wurde Palermo zur Stadt „Tausend und einer Nacht“, mit luxuriösen Herrschaftshäusern, immerblühenden Gärten und Brunnen, während der sizilianische Hof Kultur- und Wissenszentrum wurden. Aristoteles, Ptolemäus und Plato, Abhandlungen über Geographie und Mathematik, Werke über Rhetorik und Astronomie wurden ins Lateinische übersetzt. Der muselmanisch-spanische Denker Averroé (Ben Ahmed Ben Rushd) beließ es nicht dabei, die griechischen Philosophen zu übersetzen, sondern er trug zur Kritik und Neubearbeitung der philosophischen Theorien Platons und Aristoteles einen wesentlichen Teil bei, indem der die Theologie, die auf den heiligen Schriften beruht von der Philosophie trennte, die sich doch ausschließlich auf Erfahrung und Verstand begründet. Aus diesem Grund wurde er von den Christen, aber auch von den Muselmanen selbst angefeindet, die beide festhielten am Anker der heiligen Schriften, während es Averroé wagte, das offenbarte Wort mit dem philosophischen Verstand zu konfrontieren. Der Umlauf an byzantinischen Bänden war beträchtlich, es wurde sogar Papyrus, der aus dem Orient stammte und unersetzlich für die Schriften war in Sizilien angebaut, bevor er vom Pergament verdrängt wurde. Wilhelm II, der sich gern nach orientalischer Tracht kleidete, pflegte zu sagen: „Jeder mag sich seinem Gott zuwenden. In Frieden lebt das Herz dessen, der an seinen eigenen Gott glaubt.“ Das Zusammentreffen verschiedenartiger Völker war schon immer ein wichtiges Element für die menschliche Evolution in all seinen Ausdrucksformen. Und es gibt keinen Zweifel, dass Sizilien aufgrund seiner geographisch strategischen Position eines der außergewöhnlichsten Szenarien dieser geschichtsträchtigen Zusammentreffen gewesen ist: die Verschmelzung der normannischen Barbaren, die aus dem Norden kamen mit der Zivilisation Roms und des orientalischen Byzanz. Das Epizentrum dieses Szenarios war das alte Palermo. Und man braucht sich auch nicht zu wundern, dass Palermo, und nicht nur Palermo, heute noch den Märchenglanz jener Epoche zeigt: „El Kasar“, die Strasse, die zum Schloss führt, die schöne Kathedrale, der Normannenpalazzo mit der wunderbaren Cappella Palantina, die „Zisa“, arabisches Märchenschloss, der unglaubliche Dom von Monreale, wo die mächtige Christusfigur „Pantocrator“ (der Herr aller Dinge) thront, der Dom von Cefalù. Auch Friedrichs Lausbubenstreich wird ihm wieder in den Sinn gekommen sein, während er von der kleinen Anhöhe aus auf seine Stadt nieder sah: Er schaffte die beiden leerstehenden Sarkophage seines Großvaters Rüdiger II aus rotem Porphyr, die jener als letzte Ruhestätte für sich und seine Gemahlin bestimmt hatte aus dem Dom von Cefalù 1215 in die Kathedrale von Palermo, für sich selbst und seinen Vater Heinrich VI. Wahrscheinlich ahnte er, gerade erst zwanzigjährig, schon eine ruhmvolle Zukunft für sich voraus.
1) Marquard von Anweiler, deutscher Politiker, bereits Beamter am Hofe Friedrich I Barbarossas. Wird 1195 einer der wichtigsten Berater des Kaisers Heinrich VI in Italien. Als Heinrich definitiv in den Besitz des Königreiches Sizilien gelangt, wird der 1197 zum Markgrafen von Ancona, Herzog von Ravenna und Grafen von Romagna ernannt. Nach dem Tode Konrad von L ǜtzelhards fällt ihm außerdem die Grafschaft Molise zu. Nach dem Tode Heinrichs muss er sich mit der Feindschaft des Pontifex auseinandersetzen, weil er entschlossen ist, sich die Besitztümer der Kirche, die ihm vom Kaiser als Lehen gegeben wurden, einzuverleiben.Dieser Konflikt verstärkt sich, als Konstanze von Hauteville, Heinrichs VI Witwe stirbt und die Vormundschaft für ihren Sohn Friedrich (König von Sizilien und künftiger Kaiser Friedrich II) Papst Innozenz überlässt. Marquard schlägt sich auf die pro-kaiserliche Seite, die die Entscheidung Konstanzes anfeindet und landet 1200 auf Sizilien. Dort wird er 1201 von Walther von Brienne (Unterstützer des Papstes) besiegt. Er kann jedoch Palermo einnehmen. 1202 stirbt er in Patti Messina (Sizilien). Copyright ©2002 Federico Messana
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